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Leseprobe - Sete
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Überaschung in Sete

Charly Wehrle

Beim Frühstück fällt mir auf, dass Beeker, unser Schlagzeuger, kaum ein Wort spricht, auch ist er ziemlich dick eingepackt, als würd´s ihn frieren. "Bist Du krank, Beeker?" frage ich ihn. "Ach ja, ein bisschen erkältet." - "Pass auf Dich auf, Beeker, morgen müssen wir einen Pass von über 3500 m überqueren. Einfach regelmäßig nasse Wäsche wechseln." "Ja, ja, das wird schon wieder."

Unsere Tamangträger sind bereits unterwegs, wir warten draußen vor der Stupa noch auf Eberhard, der eigentlich fast jeden Tag der Letzte ist. Gyalzen hat es nicht gern, wenn wir unpünktlich wegkommen: "Today we have a very nice landscape, but we need seven, eight ours to go to Sete. Afternoon from Kenja to Sete it’s very, very steep. Let’s go." Seine Stimme hat heute Morgen fast etwas Bestimmendes ,etwas Besorgtes. Dem Likhu Khola zustrebend verlassen wir den malerischen und bezaubernden Platz an den weißen Stupas von Bhandar. , als hinge die Melodie von Carolins Bass-Solo "Summertime" irgendwo noch zwischen den Gebetsfahnen ,so kommt es uns vor.

Unterhalb Bhandar tauchen wir in einen tiefgrünen Rhododendrenwaldgürtel ein, eine unwahrscheinlich fruchtbare Gegend ist das hier. Zahlreiche kleine Bäche sprudeln hier gen Osten dem Likhu Kola entgegen, alles kleinste Quellflüsse des heiligen Stromes Ganges, wie mir Gyalzen erklärt. Nach und nach zieht sich unsere Gruppe wieder auseinander, Sherpa Gyalzen vor mir und ich ganz hinten. Gyalzen gibt jeden Morgen die Losung aus, - nur nicht schneller als die Träger sein, das ist für deren Moral nicht gut. - Bald ist der Waldgürtel durchschritten und das Gelände neigt sich mehr und mehr dem Talboden zu, dem Tal des Likhu Khola. Gholunda ist die nächste Ortschaft. Hier in den tieferen Lagen, nahe des Flusses, wohnen hauptsächlich Chetris, Rais und Brahmanen friedlich miteinander. Das Dorf ist umgeben von sattgrünen Terrassenfelder, Erlen, Papaya- und Bananenbäumen. All das wächst in Hülle und Fülle hier, ja sogar Orangenbäume voller Früchte sind zu sehen. Eine Brahmanenfamilie sitzt versammelt auf einer Bank vor ihrem Haus. Lachende Großeltern in braunroten Gewändern, ebenso die beiden kleinen Mädchen mir ihrer Mutter. Geschmückt sind sie alle mit roten Ketten sowie mit einer geflochtenen roten Wollschlinge über der Schulter. Die Häuser hier sind meist mit Schindeln bedeckt, dazu die obligatorischen Trocknungsvorrichtungen für Heu und Gemüse aller Art. Die meisten Gebäude sind ockerfarben getüncht, die grünbraunen Vordächer und die Fenster- und Türstöcke sind ziemlich verwittert. Zwei, drei winzige Kramerläden gibt es hier, aber auch ein paar Bhattis. Ein Häher krächzt in einem Papayabaum. Und vom Fluss herauf kommt ein junger Rai mit zehn aufgespießten Fischen, später wird er sie vor seinem Haus an einer Schnur zum Trocknen aufhängen. Während mein Blick hinüber zur sonnenbeschienenen anderen Flussseite geht, wandere ich an einem kleinen Gehöft vorbei wo eine Gruppe von Wasserkühen in dessen Hinterhof grast und dort läuft eine Herde Maultiere, die mit ihrem fröhlichen Geläute den serpentinenartigen Weg heraufstapft. Wo ich hinschaue, ist ein Motiv schöner als das andere. Hier ist es eine Schar Hühner, die munter nach Regenwürmern scharrt und dort sind es Ziegen, die das unterste Blattwerk einer Erle herunterfressen. Gleichmäßig aufgeschichtete Steinmauern säumen den Weg. Auf der anderen Seite sitzen ein paar charmante Frauen beim Aussortieren winziger Kartoffeln. "No good potatos, very small", erklären sie mir in lachendem Englisch. Den ganzen Vormittag erlebe ich förmlich im Einssein mit der Natur, im Einssein mit dem Universum, so gelöst fühle ich mich innerlich.

Just als ich so vor mich hinträume und die Serpentinen zum Talboden hinunterwandere, höre ich einen Pfiff hinter mir. Ich traue meinen Augen nicht, es ist Tsewang, der uns in diesem Moment einholt, nachdem er unser ungeliebtes Stromaggregat ohne Probleme nach Kathmandu zurückbringen konnte. Gyalzen und ich sind hocherfreut, dass Tsewang in einem so höllischen Tempo diesen Auftrag erledigt hat. Im Greenwich-Hotel hatte er Klaus Wanger getroffen, der ihm nicht nur das Aggregat abgenommen, sondern auch zwei Geschenke für unsere Gruppe mitgegeben hatte. Eines überreicht er mir gleich an Ort und Stelle - eine Flasche Whisky. Das andere wäre eine Überraschung für heute Abend in Sete, meint er. Was jetzt tun mit dem Whisky? Ich packe ihn kurzerhand in den Rucksack und freue mich auf den heutigen Abend.

In der Zwischenzeit erreichen wir flussaufwärts gesehen das rechte Ufer des Likhu Khola. Zum Teil ist sein Ufer mit Erlen gesäumt, zum Teil mit verschieden grauen Felsbrocken, über das wir uns bewegen. An einer Stelle des Flusses ist eine Schnur aus aufgefädelten gelben Blumen darüber gespannt. Gyalzen erklärt mir, dass dies ein heiliger Platz der Hindus sein und sie hier ihre Gebete verrichten. Nicht nur den Hindus erscheint dieser Platz, dieses Tal, in das so viele kleine Seitenbäche münden, heilig. Auch mir geht es so. Wenn ich heute darüber nachdenke, so ist dieser Wegabschnitt neben dem von Khari Khola der eindrucksvollste des gesamten Trekkings von Jiri nach Namche Bazar gewesen. Da und dort sind verstreute Heuhaufen, schwarz-graue Wasserkühe und immer wieder Gruppen von Trägern. Manchmal fragt Gyalzen "Khaata hoo? Wo gehst Du hin?" - "Namche Bazar", kommt die Antwort, ohne den Blick vom Boden zu wenden, weil die Träger mit ihren riesigen, schweren Lasten, Säcke voller Reis ,Getränke in Dosen die meist für den dortigen Wochenmarkt in bestimmt sind nicht einmal den Kopf heben können, um das Gleichgewicht nicht zu verlieren. Aber ausgerechnet in diesem Moment streife ich einen der Träger, so dass er strauchelt und hinfällt. "Bist du denn nicht noch dümmer", hadere ich mit mir selbst. Schnell versuche ich dem Umgefallenen wieder auf die Beine zu helfen da kommen mir auch schon Gyalzen, Tsewang und Eberhard, der auch gerade in der Nähe ist, zu Hilfe. Erst jetzt spüre ich, wie schwer in Wirklichkeit eine solche Last ist. 100 kg, zwei Zentner. Unwillkürlich schäme ich mich mit meinen 12 Kilo. Der gestrauchelte Träger hat Öldosen in seinem Gepäck und will mit diesen bis nach Namche Bazar laufen. Es wäre nicht das erste Mal, dass Träger unser solchen Lasten einfach tot zusammenbrechen.

Durch einen schmalen Erlenwand, der sich wie ein Riegel durch die Landschaft schiebt, kommen wir zu einzelnen lehmverputzten Häusern. Aha, da warten meine Freunde auf mich. Endlich Teepause an einer der Bhattis. Chiete, Harka, Manpuri, Asman, Pemba und Tsewang als nunmehr sechster Träger ziehen genüsslich an einer Camel: "Mitho. Gut", erklären sie. Aber auch Erich, täglich in einen schwarz-weiß gemusterten Norwegerpullover und in eine dicke wollene Keilhose nebst Zipfelmütze gekleidet, lässt sich ein schmecken. Ebenso Carolin, Erich und Simon, unser zweitjüngster. Wir anderen sind Nichtraucher und lästern höchstens über unser Suchtler. Gleich in der Nähe unseres Rastplatzes ist ein Bauer damit beschäftigt, "millet", eine Art schwarzen, feinkörnigen Getreides, durch die Finger auf eine Bastmatte rieseln zu lassen. Daneben stehen seine vom Dreck verklebten Kinder: "Sweet, sweet", kommt es wie eine piepsende Vogelstimme aus dem Mund eines der Kinder. Für uns Europäer Schlüsselerlebnisse, obwohl auch in Kathmandu zahllose solcher Kinder herumlaufen, hier wird sie uns noch mehr bewusst. "Very poor people", erklärt Gyalzen. In meiner Rucksacktasche befindet sich eine Tüte Studentenfutter, in die aufgefalteten Händchen der Kinder schütte ich die Tüte hinein.

Über eine eindrucksvolle, blau angestrichene Hängebrücke erreichen wir das andere Ufer und wenig später Kenja. Ganz in der Nähe mündet der Kenja Khola in das Flussbett des Likhu Khola. Kenja, ein größerer Ort, wohlhabender als die anderen - das ist sofort sichtbar. Das liegt an der Lage dieses Dorfes, das eine Art Verkehrsknotenpunkt darstellt. Von allen Himmelsrichtungen führen hier Trekking- und Versorgungswege zusammen. Deswegen residiert hier auch die Polizei, d.h. hier werden an einem Checkpoint unsere Pässe und Trekkingpermits kontrolliert.

Andi, den ich vor vier Jahren bei Filmaufnahmen auf der Reintalanger-Hütte kennen gelernt hatte, ist stets vorne an der Spitze unserer Gruppe, um immer wieder malerische Situationen und Motive mit uns und unseren Träger samt Instrumenten auf Zelluloid zu bannen. Hier in Kenja wohnen hauptsächlich  Sherpas. Gyalzen kennt eine Familie, aber nur die Frauen sind da. "Menyu kahaan chha. Wo ist die Speisekarte", fragt er nach. Statt Nudelsuppe bestellen wir heute alle Kartoffeln mit Gemüse. Ein Fehler, wie sich bald herausstellt. Hätten wir gewusst, dass dieses Mittagessen erst vom Garten geholt, um dann gekocht zu  werden, wäre uns die gute alte Nudelsuppe willkommener gewesen. So aber müssen wir über eine Stunde auf unser Mahl warten. Gyalzen ist ziemlich verärgert und meint, dass er hier nicht mehr einkehrt, zumal ihm auch noch der Preis des Essen zu hoch ist. Dennoch, wir fühlen uns in der Dorfmitte Kenjas sehr wohl, relaxen und können in aller Gemütsruhe den vorbeiziehenden "Dzopkios" samt Treibern und Lasten nachschauen. Djos sind Rinder, die nicht so hoch wie Yaks leben können. Aber auch zahlreiche einzelne Träger mit ihren Stöcken, den "Dogmas" in der Sherpasprache, ziehen an uns vorbei, stets ein freundliches "Namaste" auf den Lippen. Endlich - "Linos. Guten Appetit", wünscht uns Gyalzen. "Mitho, gut", antworten wir ihm, unseren Bauch genüsslich reibend, als wir endlich in der verrauchten, aber warmen Sherpaküche unser Mahl einnehmen. 

Der Uhrzeiger geht schon mächtig auf zwei Uhr zu, als wir unsere Rucksäcke aufnehmen. Unsere Tamangs sind schon im ersten steilen Aufschwung. Gerade als ich die ersten Serpentinen hinaufschaue, sehe ich weit oben Asman mit dem Kontrabass und Harka mit dem schweren Hackbrett um eine Kurve verschwinden. Bald aber werde ich sie eingeholt haben, trotz Höhe und Steilheit, trotz Durst und trockenem Mund. Tausend Höhenmeter noch bis nach Sete. Später, im Hof einer Bhatti mit phantastischem Blick auf die umliegenden Bergketten, versammeln wir uns alle. Wir sind derart durstig, dass sogar Erich ganz gegen seine Gewohnheit eine Cola trinkt. Die anderen laben sich an einer Hot Lemon, während in der Nähe ein Transistorradio läuft und uns mit Nepali-Musik unterhält.

Auf dem nächsten Stück Weg wechseln wir uns in der Führung mit zwei hübschen  Französinnen, die sich zeitweise zu uns gesellt haben, ab. Einen Träger, der Kerosin transportiert, überholen wir lockeren Fußes. Kunststück, wenn man bedenkt, dass dieser siebzig Kilo schleppt. Nach und nach legt sich die Steilheit des Weges ein wenig. Von einer Waldlichtung aus sehen wir im Osten die aufstrebende Bergkette, die wir morgen überschreiten müssen. Darunter ein paar weiße Häuser - die Häuser von Sete. Zwei Stunden noch. Die Sonne ist bereits hinter den Bergen von Bhandar verschwunden, und es ist ungemütlich kalt geworden. Rasch wechsle ich meinen nassen dünnen Pullover gegen einen trockenen aus. Obwohl wir alle ziemlich müde vom heutigen langen Tagesmarsch sind, sind wir in bester Laune. Eine unbeschreiblich schöne Strecke liegt hinter uns, die beiden Französinnen sind unseren Blicken entschwunden. Immer noch sind Träger unterwegs mit riesigen Lasten und erbärmlichem Schuhwerk, dennoch nicht einer, der sein Tageswerk unfreundlich verrichten würde. "Namaste", kommt es ihnen immer wieder über die Lippen. Kurz vor 17 Uhr endlich bleibt Gyalzen an einer Steinmauer stehen. Andi ist ganz in seiner Nähe und filmt. Stille umgibt uns und die ersten Sterne leuchten über uns auf. Vielleicht ist es die Müdigkeit, oder die innere Zufriedenheit über das heute Geleistete, als wir alle beieinander stehen spricht keiner ein Wort um die feierliche Stimmung ,die uns in diesem Moment umgibt, nicht zu zerstören. "Ma ehi hottelmaa basna chaahanchhu? Können wir hier übernachten", bricht Gyalzen das Schweigen, als er einen Lodgebesitzer um ein Lager bittet. Bald gibt’s Essen. Statt der Nudelsuppe heute Mittag, gibt es sie eben heute Abend. In unsere Daunenjacken verpackt, sitzen wir schmunzelnd über den Suppenschalen und löffeln. Milchtee, Hot lemon und ein paar Flaschen Bier löschen unseren Durst. Dicht gedrängt hocken wir in der Sherpaküche, eine Petromax gibt Licht, ein Ofen in der Mitte des Raumes wird mit Yakmist beheizt. Trotz allem will es nicht so recht warm werden, denn an allen Ecken und durch alle Ritzen zieht es herein.

Die Sherpafamilie mit ihren drolligen Kindern wartet schon gespannt auf unsere Musik. Heute muss ich mein Hackbrett erst ein wenig nachstimmen. Der Kontrabass ist ausgepackt, das Akkordeon, die Gitarren und die Tuba. Beeker steht mit ziemlich glasigen, erkälteten Augen hinter seinem Schlagzeug. Gerade als wir zu spielen beginnen wollen, übergibt mir Gyalzens Schwiegersohn Tsewang ein Päckchen. "Surprise", sagt er dabei ganz schlicht und lacht. Einen jeden von uns hat die Neugier gepackt und treibt mich, das Päckchen schneller zu öffnen. "Donnerwetter", zwei Flaschen Rotwein treten zu Tage. Gyalzen lacht hinten im Eck und sein Goldzahn leuchtet im Schein der Petromax. Dann aber kommt da noch ein Brief ans Abendlicht. Er ist von Klaus und Agathe Wanger aus Kathmandu. Als ich das Blatt kurz überfliege, bin ich vollends überrascht . Ein Freund von Klaus, nämlich Stoffel aus München, den ich im übrigen auch gut kenne, hatte am 7.12.98 in der Münchner Abendzeitung den Artikel "Bayrischer Hüttenabend am Mt. Everest" gelesen, in dem alle unsere Namen, ausnahmslos richtig geschrieben, und erwähnt waren. Rasch betätigte Stoffel sein Fax nach Kathmandu. Und so hatten Klaus und Agathe den Zeitungsausschnitt am gleichen Tag. Zufällig kommt Tsewang gerade an diesem Tag ins Hotel Greenwich nach Kathmandu, um das schwere Stromaggregat abzuliefern. So geben die beiden Wangers das Fax nebst einem kleinen Brief und zwei Flaschen Rotwein als Päckchen mit auf den Everesttrek. Und just in Sete erreicht uns die Überraschung am 11.12. abends um 18 Uhr. Wir sind ziemlich baff und als jeder den Artikel gelesen hat, weiß keiner, was er sagen soll. Zufall oder was weiß ich? Ein Fax über uns mitten in den Himalaya hinein!

Als wir zu spielen beginnen, sind wir von einer regelrechten Hochstimmung gepackt - jedes Stück läuft uns total super von der Hand. Dann und wann genießen wir einen ein Schluck Rotwein, zwischendrin macht Gyalzen den Conférencier. "Resham Piriri" müssen wir gleich dreimal heute Abend zum Besten geben, aber auch Nepali 1 und 2 spielen wir fehlerfrei. Heute ist einer der Abende, die es nicht so oft gibt. Manchmal passt alles, manchmal nicht. Sogar die Einheimischen spüren, wie zufrieden und unendlich glücklich wir heute Abend sind, weit weg von daheim.

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