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Leseprobe - Kathmandu
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Kathmandu

Charly Wehrle

Eine näselnde Stimme weckt mich. Ich horche - wieder diese merkwürdige Stimme. Ich stehe auf und blicke vom Balkon auf die schmale Straße. Ein Junge geht barfuss durch die Straßen und macht mit diesem bestimmten Signal die Anwohner aufmerksam, dass er leere Getränkeflaschen einsammeln will. Eine alte Decke wärmt ihn ein wenig, über dem Rücken trägt er einen Jutesack. Wieder das markante Näseln. Wahrscheinlich gehört er jeden Morgen neben den Zeitungsausträgern zu den ersten Menschen die anfangen, die Straße zu beleben. Bald dröhnen die ersten Tuk-Tuks durch die Gassen, die ersten Rollläden der Geschäfte rasseln nach oben. Ich döse noch einmal kurz ein, Simon und Malte schlafen noch tief, als wären sie in tiefste Narkose gefallen.

Gegen acht mache ich mich auf den Weg ins "Pumpernickel", das schon 1993 zu meinem Lieblingscafé in Thamel geworden war. Gleich an der nächstgrößeren Kreuzung stehen bereits jede Menge Autos: "Taxi, Taxi, Mister?" Ein paar Meter weiter "Rikscha, Mister, Rikscha, very cheap." Der Tag ist vollends erwacht, rechts von mir ein Musikladen, eine indische Sitar-Weise belebt die Straßenszene. Auf der linken Straßenseite eine Bäckerei, ein Money changer, ein Café, Trekkingbüros. "Pilgrim’s Bookshop", der wohl bekannteste Buchladen in Kathmandu, auf der rechten Seite. Weiter vorne das erste Terrassencafé. An der Ecke, wo die Straße geradeaus zum Chetra Pati führt, der nächste Buchladen mit zahlreichen Postkarten und Landkarten und den neuesten Tageszeitungen, die "Korkha patra" nepalisprachig, "Rising Nepal" und "Kathmandu Post" in englischer Sprache. "Indian Express", "USA Today" und "Herald Tribune" als wichtigste internationale Blätter. Magazine gibt es sowohl in Nepali, Englisch, Französisch und Deutsch. Obwohl Kathmandu gegenüber anderen Metropolen der Welt nicht sehr groß ist, an Internationalität ist diese Stadt nicht zu überbieten. Schon die morgendlichen Gassen sind wieder bevölkert von Touristen mit Bärten, von glatzköpfigen Freaks, von hübschen Frauen, von Pärchen in fortgeschrittenem Alter das Leben genießend, von der einzelnen Frau mit Kopftuch und blauer Jeans.

"Very cheap, Rikscha", tönt es hier und "give me rupees" dort, die Bettler in Thamel haben Hochkonjunktur. Dabei begegnet man oft tatsächlich erbärmlichen Gestalten, ohne Beine, blind oder leprös in der Gosse der Menschheit lebend. Dann wieder Kinder, die auf die Straße geschickt werden, um Ramsch aller Art zu verkaufen. Hauptsächlich bieten sie aber kleine Döschen Tigerbalsam an, die lassen sich gut transportieren und offensichtlich am leichtesten  an den Mann bringen.

Links drüben ein Laden mit kunstvollen Thankas. Ähnlich altertümlichen Schriftrollen werden diese Rollbilder aus feiner Baumwolle oder aus Seidenstoff hergestellt. Grundiert wird der Stoff mit einer Mischung aus Kalk, Leim und Indigo. Eine Schicht Enteneiweiß mit Wasser verleiht der Grundierung mehr Glanz. Vor dem Bemalen mit warmen dünnflüssigem Leim werden die Umrisse der meist buddhistischen Figuren mit Ruß und einem ganz feinen Pinsel vorgezeichnet. Nachdem ein Lehrling die groben Umrisse vorgezeichnet hat, geht der Meister an die Feinarbeit. Eines der beliebtesten Mitbringsel aus Nepal sind diese zum Teil sehr teuren Thankas.

Gleich gegenüber dem Thanka-Laden befindet sich das Café "Pumpernickel", der wohl bekannteste und zugleich älteste Treff nebst Café in Thamel. Die Einrichtung ist relativ einfach mit zahlreichen Holzsitzecken. In der Mitte ein nicht zu übersehendes schwarzes Brett für alle möglichen Informationen. Angefangen von der Suche nach Reisepartnern bis hin zum Angebot der nicht mehr gebrauchten Skistöcke, die jemand verkaufen möchte, sind die verschiedensten Zettel zu finden. Draußen im Garten ist das eigentliche Herz des Pumpernickels. Ein schmaler, längerer Gang wurde einfach in ein Gartencafé verwandelt. Hier schwirren Wortfetzen der verschiedensten Leute umher: Trekker, Hippies, Japaner, eine junge Frau, die mit ihrem tibetisch aussehenden Mann lernt. Wo kein Tisch steht, wachsen Bambusstauden. Tiefgrüne Rhododendrenpflanzen geben der ganzen Atmosphäre etwas urwaldähnliches. Diese Stimmung wird noch verstärkt durch das Zwitschern zahlreicher zutraulicher, bunter Vögel und Sperlingen, die die Brotkrumen vom Boden picken. Und am Büffet werden die besten Cinnemonrolls Kathmandus ausgegeben. Dazu gibt es alles, was ein Frühstücksherz begehrt: Milch, Kaffee, Tee, frisch gepresster Orangensaft, Müsli mit frischen Früchten, Croissants, Weißbrot, Joghurt, Milch. Sechs bis sieben Einheimische sind am Werk, um täglich das internationale Völkchen hier drin zu versorgen. Ein Platz zum Träumen, zum Kennenlernen, zum Kontakteknüpfen, zum Lesen, Tagebuchschreiben und um sich fallen zu lassen.

Um 10 Uhr habe ich Gyalzen hierher bestellt. Selten bin ich einem so pünktlichen Menschen begegnet. Gyalzen ist die Zuverlässigkeit in Person. "Good morning, Sir", begrüßt er mich. "Good morning, Gyalzen, did you sleep well?" Bei einer Tasse Tee besprechen wir den heutigen Tagesablauf. Das wichtigste sind die Permits für den Sagarmatha-Nationalpark, ohne diese ist es nicht möglich, nach Namche Bazar, der Heimat Gyalzens, zu kommen. Ohne ein solches Papier würde man am Checkpoint in Monju geradewegs nach Kathmandu zurückgeschickt werden, die Nepali sind in dieser Richtung ziemlich genau. Also schlendern wir zum "Shree Antu" zurück. Der morgendliche Rummel in den Gassen Thamels hat inzwischen zugenommen. "Come inside, Mister, just looking", ruft da wieder einer. Gyalzen lacht darüber über sein ganzes faltiges Gesicht.

Inzwischen sind sie alle auf, die Neuankömmlinge, kurz vor dem Weggehen zum Frühstück. "Leute, ich brauche die ganzen Reisepässe. Ich will mit Gyalzen zum Immigration Office fahren wegen der Permits." Bei gewissen organisatorischen Dingen ist es besser, einer allein kümmert sich darum. Rasch ordern Gyalzen und ich ein Tuk-Tuk zum Touristenbüro. Die Freunde frühstücken derweil im Gartencafé nebenan. Gegen 13 Uhr wollen wir uns auf dem Balkon des "Shree Antu" treffen, um für eine Stunde zu musizieren.

Durch das vormittägliche Verkehrsgewühl tuckert unser Minitaxi, da und dort ein Abkürzer, mal einem Ochsengespann ausweichend. Ab und zu begegnen wir Frauen in farbigen Saris, ihren Schmuck tragen sie wie eine zweite Haut. Im Immigration Office geht es zu wie in einem Tollhaus, ich bin überrascht, wie viele Trekker unterwegs sind. Warten? Wie praktisch, dass junge Einheimische einen für sie durchaus lukrativen Job betreiben. Für sieben Dollar pro Nase füllen sie sämtliche Papiere aus und lassen sie von den Beamten an den Schaltern später bearbeiten. So umgehen ungeduldige Touristen lange Wartezeiten und Menschenschlangen. Am Nachmittag, wenn die Papiere wieder ausgegeben werden, bringt einer der jungen Burschen dieselben zum Hotel.

Auf dem Balkon im ersten Stock des Hotels "Shree Antu" haben wir uns aufgebaut, vor uns unsere Instrumente. Erich gibt den Takt an, die bayrischen Stücke erst einmal. Der "Schönauer Bayrische", ein Berchtesgadener 2/4-Taktstück, das gut ins Ohr geht. Was sind wir glücklich, als die ersten gemeinsamen Töne über den Hotelvorplatz ins Freie klingen. Sofort sind wir von Zuhörern und Zuschauern auf den nachbarschaftlichen Balkonen und Terrassen umringt. Kaum ist das erste Stück verklungen, gibt es lauten Beifall. Gyalzen ist mächtig stolz auf uns. Immerhin ist sein 60. Geburtstag der Anlass der Reise nach Nepal. Vogelgezwitscher, Autolärm, Menschenstimmen und Volksmusik - eine seltene Mischung aus Heiterkeit und froher Laune. Andi und Eberhard haben ihre Filmkameras aufgebaut, um die ersten Aufnahmen zu machen. Untertags sind die Temperaturen fast sommerlich, es gibt also keine Probleme mit verstimmten Gitarren oder Hackbrettsaiten. Zum erstenmal sind nun die Nepalstücke an der Reihe. "Resham Piriri", "Nepali 2" und "Nepali 3". Als ob jeder sein ganzes Gefühl in "Resham Piriri" hineinlegen würde, so erklingt das Volkslied Nr. 1 in Nepal. Es ist als würden wir in diesem Moment mit der Exotik Nepals verschmelzen. Ein Auftakt wie er besser nicht sein könnte.

Wenig später sind wir bei Gyalzens Schwager Nima Tenzing und dessen Frau Doma, also Gyalzens Schwester, zum Tee eingeladen. Nima Tenzing, in den sechziger Jahren einer der erfolgreichsten und beliebtesten Sherpas im Höhenbergsteigen, war mit den Schweizern 1960 am Dhaulagiri, 1962 bei der Erstbesteigung des über 7000 m hohen Pumori und 1963 beim Gipfelerfolg unter Norman Dhyrenfurth an der Westridge des Mt. Everest dabei. Daran hatte sich sogar ein Empfang bei Präsident J. F. Kennedy angeschlossen, kurz vor dem tödlichen Attentat auf ihn. Im Stadtteil Lazimpat besitzen Nima und seine Frau ein Haus, wie es sich dort nur wohlhabende Leute leisten können. Dementsprechend ist das Anwesen mit scharfen Hunden bewacht. Im Innern des Hauses verbreiten gediegene Möbel, tibetische Teppiche und farbenprächtige Thankas wohlige Atmosphäre. Früher hatte es häufig Zwistigkeiten mit Sherpa Gyalzen und Sherpa Nima gegeben, vermutlich aus einer Art Eifersucht heraus. Inzwischen sind sie ausgeräumt. Im Gegenteil, für Nima ist es eine Ehre, dass Gyalzen seine Freunde aus Deutschland mitbringt und diese dann auch noch musizieren. Erichs genialer Einfall, die drei Nepallieder daheim einzustudieren, kommt heute nun schon zum zweiten Mal zur Geltung. Auch Nima und seiner Familie gefallen die Melodien. Bei Tee und Gebäck entfaltet sich eine Stunde, wie sie heiterer nicht sein könnte. Immer wieder blicken wir in die innerasiatischen Gesichter der Sherpas mit ihren zahlreichen Lachfalten und ihrem Goldzahn inmitten der anderen Zähne.

Die Hunde bellen im Vorhof, Besuch kommt. Zeit für uns, aufzubrechen und uns für die Einladung zu bedanken. Gyalzen bleibt hier, und uns bringen zwei Taxis und der VW-Bus von Nimas Sohn zurück nach Thamel. Einem ersten Abend im "Seven Corner", einer Art Nepali Nachtclub, werden weitere folgen. Nicht nur weil das "Shree Antu" in der Nachbarschaft liegt. Wir haben uns einfach in die Kneipe mit seinem vorzüglichen Essen, mit seinen Tanzvorführungen einheimischer Frauen, Mädchen und dem einen Travestiten verliebt. Für nepalesische Verhältnisse sind sie schon etwas sehr gewagt bekleidet.

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