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Leseprobe - Mehlschlacht
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Die Mehlschlacht

Charly Wehrle

Unwiderruflich war für F.F. das letzte Wochenende als Hüttenwirt im Oberreintal gekommen.  Es war der Oberreintalabtrieb am 18. Oktober 1953.  Die Hütte war zum Bersten voll, etliche Einheimische waren gekommen, um Franze aus seinem Felsenkessel zu verabschieden.  Die größere Schar seiner Freunde aber waren an diesem Herbstwochenende Münchner Kletterer: Alois Patzeit, Helmut Schmidt, Hermann Huber, Franz jahn, Erwin Vuzem, Alfred Koch, Alois Rochelt, Ernst Leiner, Martin Holl und Hans Schmied sind die Namen derer, die noch bekannt und geläufig sind.  Sie waren Zeugen und Mitwirkende der berühmten Mehlschlacht. Natürlich wurde gesoffen, als ob es morgen nichts mehr geben würde.  Die Instrumente und die Kehlen der Oberreintaler waren im Dauereinsatz, nur dann und wann wurde das Musizieren unterbrochen, wenn einer auf den Stammtisch stieg, sich an einem der Deckenbalken festhielt und anhob, eine Abschieds- und Dankesrede f'ür F.F. zu halten: ,Indem daß Du zwölf Sommer und zwölf Winter unser Leithammel, unser Koch, unser Herbergsvater, unser Seelendoktor warst..... !" Oder: Wir alle sind Dir zu höchstem Dank verpflichtet, wir alle wünschen Dir drüben am Kohlgruber Hörnle, daß Du weiterhin glücklich sein mögest, ohne den direkten Felsengeruch und ohne Deine rauhen Klettergesellen.' Nach jeder Rede krachten die Maßkrüge zusammen, und es schepperte bis zum Plattenschuß hinüber, die Stimmung war ausgelassen und heiter, und vom Abschiednehmen hat F.F. an jenem Abend nicht viel gespürt.  Die Leere sollte erst hinterher kommen, wie es bei allen Menschen ist, die Gewohntes und Geliebtes verlieren. Draußen im Kar glotzten die Felsentürme schemenhaft herunter, es war sternenklar, und spät erhob sich der Halbmond über den Dom.  Es war, als nähmen auch die Oberreintalgipfel in dieser Nacht Abschied vom Franze.  Sanft strich der Wind durch das Geäst der Bäume und brachte die letzten Blätter zum Rascheln.  Es war schon eine besondere Nacht. Dann und wann ging die Hüttentüre auf, und Dampf und Zigarettenqualm entwichen ins Freie.  Drinnen herrschte fürchterliche Enge, wieder und wieder erklang eines der Oberreintallieder. Neben dem Stammtisch befindet sich noch heute eine kleine Wandeinbuchtung, eigentlich der Platz für die Hüttenbibliothek.  Damals aber war diese noch recht dürftig, und so wurde die Wandaussparung anderweitig genutzt.  Der Platzmangel in der Oberreintalhütte war chronisch und in jedem Winkel wurden irgendwelche Dinge abgelegt.  Dort, wo also keine Bücher standen, fanden blecherne Vorratsdosen Platz.  In der einen befand sich Reis, in der anderen wurden Brotreste aufbewahrt, in der dritten waren Eier, und in einer vierten lagerte das Mehl, das Franze für seinen schmackhaften Kaiserschmarrn benötigte.  Der Zufall wollte es an diesem Oberreintalabtrieb, daß einem der Münchner die Mehlblechschachtel in die Hände geriet und er sie aus purer Neugier öffnete.  In seinem leicht alkoholisierten Zustand fiel,ihm nichts besseres ein, als ein wenig mit dem Mehl herumzustäuben. Er hielt die geöffnete Schachtel zwischen beiden Händen, holte tief Luft und blies kräftig hinein.  Blitzartig war seine unmittelbare Umgebung in eine weiße Mehlwolke gehüllt.  Seine Tischnachbarn machten mobil, entrissen ihm die Büchse, griffen hinein und entfesselten die berühmte Mehlschlacht vom Oberreintal.  Eine weitere Büchse Mehl stand in der Nähe und wurde zum staubenden Wurfgeschoß umfunktioniert. Wie wenn eine Lawine losgetreten worden wäre, begann nun jeder gegen jeden mit Mehl zu werfen.  Kaum einer, der sich nicht die weiße Pracht aus den Augen rieb und dessen Kleidung keine Mehlspuren aufwies.  Als irgendwann zum Mehl noch Wasser ins Spiel kam, und aus dem staubenden Mehl plötzlich klebrige Ballen wurden, drohte der Spaß auszuarten.  An dieser Stelle griff F.F. ein und unterband die Mehlgaudi: Loßt's des Wossa aus'm Spui!", sagte er im ernsteren Tonfall.  Die eindringliche Bitte wurde tatsächlich befolgt, Franze war einfach eine Autorität. Hans Schmied schoß noch ein paar Erinnerungsfotos mit den weißbedeckten Tischen und den mehlbestäubten Oberreintalern, die berühmte Mehlschlacht war beendet. jeder säuberte sich so gut es ging, und der Oberreintalabtrieb nahm wieder seinen normalen Verlauf, bis in den Morgen hinein.  Irgendwann verschwand der übermüdete F.F. in seiner Kammer. Auf dieses Signal hatten seine Freunde nur gewartet.  Flugs packten sie ein Hüttenmöbelstück nach dem anderen und trugen es hinunter zum Starzelplatz, dem sogenannten Oberreintalstadion".  Der ganze Spuk dauerte nur wenige Minuten.  Danach war es in der Oberreintalhütte öde und leer.  Ein ausgefallener Hüttenspaß, wie er nur im Oberreintal stattfindet. Die Idee des Möbel-Ausräumens hat sich bis heute erhalten.  Es ist für den jeweiligen Oberreintalwirt ein Muß, die Abtriebnacht durchzuhalten, da er sonst am nächsten Morgen vor besagter leerer Oberreintalhütte stehen würde. Sobald es draußen hell wurde, weckten die Kletterer F.F. und verlangten nach einem Kaffee.  Erst jetzt sah F.F. die Bescherung, murmelte etwas von einer "Saubande' und lachte dann aus vollem Halse.  Er ging nach draußen, um nach seinem Mobiliar Ausschau zu halten.  Da sah er es auch schon stehen, drunten im Oberreintalboden.  "Ideen hobt's es scho!', meinte er trocken und begab sich nach unten, um den ersten Tisch auf seine Schultern zu heben.  Die anderen Möbelstücke schleppten seine Freunde wieder hinaus. Sie hatten ihre Gaudi schon allein an seinem verblüfften Gesicht gehabt.

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